LVZ, 9.7.2011

 

„Beschaffungskriminalität wird organisiert"

Strafverteidiger Andreas Meschkat über die Drogenszene in der Stadt und das Elend seiner heroinabhängigen Mandanten

Seit vielen Jahren verteidigt Andreas Meschkat Drogenabhängige und Dealer vor Gericht. Es sind meist Langzeitmandate, sagt er, 10 bis 15 Junkies über acht bis zehn Jahre hinweg. Aus Gesprächen mit Mandanten und dem Studium unzähliger Ermittlungsakten gewann Meschkat einen fundierten Einblick in die Leipziger Drogenszene. Gegenüber der LVZ spricht er über das Elend der Heroinabhängigen und das geschlossene System der Dealer und Hehler.
Frage: Herr Meschkat, wovon leben Ihre drogenabhängigen Mandanten?

Andreas Meschkat: In erster Linie bestreiten sie ihren Lebensunterhalt durch Diebstahl. Bei einem enormen Suchtpotenzial kommt es auch zu schwereren Straftaten wie Raub oder räuberischer Erpressung mit erheblichen Folgen für die Opfer. Und Frauen beschaffen Geld häufig durch Prostitution.

Kennen Sie auch Abhängige, die selbst dealen?

Eine Reihe von Mandanten finanziert durch Zwischenhandel ihren Drogenkonsum. Das ist unter anderem auch einer der Gründe, warum der Stoff immer schlechter geworden ist. Das ohnehin schon gestreckte Heroin wird von den Kleindealern noch ein bisschen mehr gestreckt, um mehr daran verdienen zu können.

Haben es Ihre Mandanten auch mal mit geregelter Arbeit versucht?

Es gibt Mandanten, die haben tatsächlich korrekte Jobs. Aber sie brauchen zusätzliche Geldmittel, um die Drogen finanzieren zu können. Wenn man einen durchschnittlichen Tagesbedarf von 50 bis 60 Euro ansetzt und das auf den Monat hochrechnet, muss man schon ein recht hohes Nettoeinkommen haben, damit man die Sucht - neben den Kosten für Wohnung, Essen und so weiter - bezahlen kann. Der Verlust des Arbeitsplatzes droht ohnehin, weil man sich kaum noch um den Job kümmern kann und stattdessen dem Stoff hinterherläuft. Das ist eine Spirale nach unten bis hin zur absoluten Verelendung.

Woran wird das deutlich?

Die körperliche Verelendung sieht man häufig nach der Festnahme beim Ermittlungsrichter. 14 Tage später nach Entgiftung und regelmäßigem Essen erkennt man die Mandanten in der Justizvollzugsanstalt kaum wieder. Eine meiner Langzeitmandantinnen hatte innerhalb eines Monats 18 Kilogramm zugelegt.

Nutzen Ihre Mandanten die städtischen Betreuungsangebote?

Einige sind im Zentrum für Drogenhilfe in der Chopinstraße gelistet, haben dort auch offiziell ihre Anschrift. Die sind also in der Statistik drin, entziehen sich aber de facto therapeutischer Begleitung. Viele sind auch in keinster Weise der Stadt bekannt, die sind allenfalls gerichtsbekannt.

Wegen Beschaffungskriminalität?

Es gibt eine Masse von Verfahren im Zusammenhang mit Beschaffungskriminalität. Letztes Jahr hatte ich einen Mandanten, da kamen innerhalb von zwei Monaten acht, neun Anklagen. Er wurde wegen knapp 40 Diebstahlshandlungen verurteilt zu zweieinhalb Jahren Haft. Er geht jetzt in Therapie. Für ihn war es auch besser, dass er bis zur Gerichtsverhandlung in Haft blieb, da überlebt er wenigstens.

Sie als Verteidiger sagen, dass Haft mitunter besser für einen Beschuldigten ist als Freiheit?

Bei einem unter Bewährung stehenden Drogenabhängigen, der erneut wegen einer Vielzahl von Delikten angeklagt ist, besteht keine Aussicht, dass nochmals Bewährung verhängt wird. In einem solchen Fall hat es keinen Sinn, den bis zur Hauptverhandlung noch mal für ein halbes Jahr aus dem Gefängnis zu holen. Erstens besteht die Gefahr, dass er erneut Straftaten begeht. Zweitens wird er in Haft medizinisch betreut, vorbereitet auf Langzeittherapie, die angerechnet werden kann auf die Haftzeit. Und: Er bekommt regelmäßig Nahrung.

Laut so genannter akzeptierender Drogenarbeit, zu der sich auch Politiker verschiedener Parteien in Leipzig bekennen, ist "der Konsum illegalisierter Drogen ein Lebensentwurf, über den handlungsfähige Subjekte eigenverantwortlich bestimmen". Was sagen Sie dazu?

Ganz klar: Die Eigenverantwortlichkeit hört da auf, wo die Allgemeinheit durch Straftaten belastet wird. Und diese sind einfach nicht zu vermeiden, wenn man sich diesen Lebensentwurf zu eigen macht.
In Leipzig hat sich offenbar eine komplette Infrastruktur für Beschaffungskriminalität herausgebildet.
Es ist ein geschlossenes System. Und mir fällt keine Lösung ein, wie sich dieses System unterbrechen ließe.

Wie funktioniert das konkret?

Es ist definitiv so, dass gewisse Produkte, die beim Ladendiebstahl geklaut werden, Abnehmer haben. Mandanten haben mir berichtet, dass sie aus gewissen Verkaufsstellen einen konkreten Auftrag bekommen haben, etwa: ,Wir brauchen mal wieder 20 Päckchen Kaffee.' Für ein Päckchen Kaffee bekam ein Mandant zwischen 50 Cent und einen Euro. Ganz begehrt sind auch alkoholische Getränke wie Whisky oder Cognac.

Und was ist mit Diebesgut aus Einbrüchen in Wohnungen oder Autos?

Navigationsgeräte sind ganz begehrt als Zahlungsmittel im Tausch für Drogen, ebenso Flachbildfernseher, Computer, Laptops. Einiges davon geht auch ins Ausland. In der Szene kursieren die Namen von Leuten, die Kleintransporter zusammenstellen, etwa in Richtung Osteuropa. Diese Leute bestellen ebenfalls ganz konkret, was sie noch brauchen. Die Beschaffungskriminalität wird organisiert, sie wird auf Zuruf begangen. Ich habe aber auch schon Fälle erlebt, wo Junkies in ihrer Verzweiflung tatsächlich Autoscheiben eingeschlagen und zwei Euro aus der Mittelkonsole geklaut haben, die da für Parkautomaten lagen.

Sie verteidigen auch Drogenkuriere vor Gericht. Sind das ebenfalls Abhängige?

Eher nicht. Sie kommen meist aus ganz normalen Schichten. Zwei Mandanten haben das gemacht, weil sie nach der Pleite ihrer Firma hohe Schulden hatten. Es gab das Angebot, 10000 Euro zu verdienen. Sie mussten nach Amsterdam fahren, wurden per Handy zu einem Kontaktmann gelotst, holten einen Koffer ab. Und dann fuhren sie mit ihrem Privatauto zurück nach Deutschland, mit zehn Kilogramm Heroin im Kofferraum.

Vor Gericht können Angeklagte mit Geständnissen ihre Strafe mildern. Dennoch redet kaum einer - aus Angst?

Mandanten von mir sagen häufig: ,Ich rede nicht. Die wissen, wo meine Eltern leben, die wissen, wo meine Freundin und mein Kind wohnen. Da gehe ich lieber zwei, drei Jahre länger ins Gefängnis, bevor mir oder meiner Familie was passiert.'

Stadt und Polizei unternehmen große Anstrengungen im Bereich der Prävention. Ist die Arbeit nicht überzeugend genug?

Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendliche das Problem nicht ernst genug nehmen. Sie glauben, es könnte ihnen nicht passieren. Man müsste mal Drogenabhängige vor Schulklassen aus ihrem Leben berichten lassen. Eine süchtige junge Frau mit Aknepusteln, mit zerstochenen Armen, die nicht weiß, wo sie abends schläft. Die fürchten muss, dass sie von irgendeinem Verrückten umgebracht wird, wenn sie für 50 Euro anschaffen geht. Die sich Krankheiten holt, Hepatitis, Lungenentzündung beispielsweise. Das ist eine Schocktherapie, aber einige Jugendliche würden ganz sicher darüber nachdenken, ob sie auch so enden wollen.

Viele Jugendliche nehmen ja gar nicht die harten Drogen, sondern rauchen ab und an einen Joint. Ist das schon der Anfang vom Ende?

Es gibt einen ganz fatalen Trend bei Haschisch und Marihuana. Der Wirkstoffgehalt hat sich in den vergangenen Jahren den mir bekannten Gutachten zufolge verfünffacht. Andererseits wird es teilweise als normal angesehen, dass man einen Joint raucht. Es ist sozial adäquat. Ich halte das für sehr gefährlich, weil dann auch bald härtere Drogen ins Spiel kommen.

Sie meinen so genannte Partydrogen wie zum Beispiel Crystal?

Ja, diese chemischen Drogen sind gerade für junge Menschen verheerend. Die Jugendlichen driften dadurch ab, werden teilweise schizoid oder schizophren. Ich habe eine Reihe von Mandanten, die über Jahre hinweg das Zeug auf Partys und in der Disko eingeworfen haben, die sitzen jetzt in der Psychiatrie. Gerade unter Einfluss dieser Drogen werden massiv Gewaltstraftaten begangen. Die Leute können sich gar nicht mehr kontrollieren. Es findet eine Enthemmung statt, begleitet von Wahn- und Trugbildern.

Gerade Crystal soll der Polizei zufolge verstärkt vor Schulen angeboten werden.

Vor den Schulen wird nach meiner Kenntnis so ziemlich alles angeboten. Dealer nutzen Schüler als Zwischendealer nach dem Motto: ,Hier hast du zehn Gramm, ein Gramm kannst du behalten, den Rest verkaufst du.' Das ist nichts Ungewöhnliches.

Sie vertreten auch viele dieser jugendlichen Abhängigen. Aus welchen Milieus stammen sie?

Schulabbrecher kommen meistens aus bildungsfernen Schichten, haben Suchtverhalten bei den Eltern erlebt, meistens Alkoholprobleme. Und man kommt in gewissen Vierteln auch leichter an den Stoff ran, da wird einem das Zeug auf der Straße quasi hinterhergetragen. Aber ich habe auch aus der Mittelschicht und auch aus der Oberschicht Fälle erlebt, wo die Kinder völlig abgedreht sind.

Aber da lässt sich durch Geld einiges abfangen?

Nur bis zu einem gewissen Maße. Wenn Eltern von ihrem Sohn oder ihrer Tochter regelmäßig beklaut werden, wenn die Kinder sie in Entzugspanik massiv bedrohen, sie sogar würgen oder mit Gegenständen schlagen, um an Geld zu kommen, ist es für die Eltern irgendwann vorbei. Wenn diese Finanzierungsquelle wegbricht, kann dies auch für einen Gymnasiasten aus besserem Haus den Abstieg bedeuten. Innerhalb von Wochen sind die ganz unten und dann fallen sie durch Straftaten massiv auf.

Eltern sind da chancenlos?

So lange sie das Sorgerecht haben, bis zum 18. Lebensjahr, können sich Eltern einen Beschluss beim Amtsgericht holen für eine einstweilige Unterbringung des Kindes, also Therapie unter geschlossenen Bedingungen. Aber wenn man aufgrund von Drogen einmal die Kontrolle über sein Kind verloren hat ist es ganz schwierig, diese Kontrolle wieder herzustellen.

Wie viele Ihrer Mandanten haben einen Entzug tatsächlich geschafft?

Ich habe einen einzigen Mandanten - ihn habe ich in den 90er-Jahren verteidigt - von dem ich konkret weiß, dass er das geschafft hat. Er hat in der Therapie eine Frau kennengelernt, ist mit ihr in den Schwarzwald gezogen. Er ist Vater geworden, hat Arbeit. Da habe ich wirklich Gänsehaut gekriegt, da hat es mal funktioniert. Bei den meisten meiner Mandanten muss ich bedauerlicherweise sagen: Die Rückfallquote ist sehr hoch. Ein Mandant hat drei Langzeittherapien und ist doch wieder hochgradig abhängig.

Woran liegt das?

Hilfsangebote sind da. Aber dann kommt vielleicht ein Kumpel von früher vorbei und sagt: ,Ey komm, wir machen uns mal wieder einen schönen Abend.' Und plötzlich sind ein halbes Jahr Therapie, Betreuung, Gruppengespräche, medizinische Einstellung für die Katz'. Da geht es alles wieder von vorn los. Mandanten schilderten mir, dass trotz Langzeittherapie der enorme Suchtdruck bei Heroin über Jahre anhält, daher auch die hohen Rückfallquoten. Im letzten Jahr sind zwei meiner Mandantinnen - 27 und 32 Jahre alt - durch Folgeerkrankungen verstorben.

Interview: Frank Döring, LVZ, 9.7.2011